PC-Alltag

Es reicht! Nicht mit mir!

Von wegen zärtlich geweckt werden, gemeinsames Frühstück am Arbeitsplatz, System frisch anfahren und säubern. Nix is.
Ja, wer bin ich denn eigentlich, dass ein jeder glaubt, so mit mir umspringen zu dürfen? Hä? Wie? Was?
Sehe ich vielleicht aus wie ein automatischer Volldepp?

Oder wie einer, dessen Vorfahren man als Taschenrechner mit Viren gepudert hat?

War das heute wieder ein Tag - so richtig zum aus dem Gehäuse springen.

Zuerst wird mein sanft summendes Stand-by Dösen von so einem dubiosen Durchschnittstypen auf äußerst rüde Manier unterbrochen.
Und wofür?
Na?
Dafür, das ich mal wieder den willenlosen Arbeitssklaven vom Dienst geben darf. Da wird doch die Maus auf dem Pad verrückt!
Von mir wird doch allen Ernstes verlangt, dass ich sofort und ohne jedes Brummen auf Hochtouren laufe. Als ob mein User das je fertig brächte.

Soweit, so gut, meine Art des High – Tech - Spielzeugs ist ja im Prinzip sehr sanftmütig, geduldig und kooperativ. Aber auch bei unsereinem erreicht die Langlebigkeit Grenzen, jawohl.

Tabellen soll ich für ihn entwerfen, erstellen und dann auch noch Zeile um Zeile, Spalte für Spalte mit mehr oder weniger sinnlosem Inhalt füllen. Hach, ist das langweilig. Und wie der heute wieder aussieht! Da muss einem doch schon aus reinem Selbstschutz der Monitor ausgehen!

Nachdem dieser Mist endlich abgearbeitet ist (komisch, eigentlich höre ich nur mich richtig arbeiten), vergreift sich mein User an einer herumliegenden CD-ROM. Och Mönsch, geht das schon wieder los? Hemmungslos schnell öffnet er mein Laufwerk und steckt das Dingsda hinein. Hab’ ich es doch geahnt: Schon wieder so ein blödes Spielprogramm, mit dem er meine Grafikkarte auf das Brutalste überfordert.
Da bricht einem doch glatt der Ram-Speicher zusammen. Ich flüchte lieber freiwillig in die System-Auslagerung.

Kaum ist der Zocker im User endlich zufrieden gestellt, geht der Horror auch schon weiter.

Verbindung in ’s Internet herstellen (meine rasche Kontrolle der System-Uhr zeigt: Au Zentralprozessor, wir haben erst Mittag). Das bedeutet Stress und Ärger, denn nun muss ich mich wieder stundenlang mich mit diesen User - Kretins von Laptops, Handhelds, Pocket-PCs, X-boxen, TV-Geräten und sonstigen „Kaffeemaschinen“ aus Millionen anderer Netzwerke auf der weltweiten Datenautobahn herumdrängeln. Platz- und Geschwindigkeitskämpfe ohne Ende; aber am Schlimmsten sind die ewigen Staus und Unfälle. Es kracht alle Nase lang – und wer hat am Ende wieder Schuld? Na klar, unsereiner landet ratzfatz in irgendeiner Ebay – Auktion oder wird gleich ganz und gar verschrottet. Da haut ’s einem doch wirklich vor Frust die Platine aus dem Motherboard.

Endlich hat er für heute genug gesurft (Von den heimlich geladenen Pornoseiten und verseuchten Mails hat der Herr User mal wieder nix gemerkt). Hab’ doch schon so oft die Pop-up-Fenster für die Sicherheitssoftware eingeblendet. Aber man hört und sieht ja nicht auf mich. Und nun hat er die „Bepornuung“ in Bild und Ton. Und mein armer Speicher muss den Schweinkram jetzt automatisch rausrücken, mein Zubehör muss dieses Ekelzeug darstellen und abspielen. Igitt Pfui bähbäh.

Ja, da verschlägt ’s einem doch glatt die Soundkarte und man stellt vor Scham die Lautsprecher ab!!

Jetzt geht ’s richtig rund: Von der Fotogalerie mit 3,5 Millionen Bildern, die die Welt nicht braucht (die Familie übrigens auch nicht) über die Power-Point-Präsentation seiner neuen karierten Boxer-Shorts bis hin zur Werbebroschüre für seinen neuen Nebenjob als Networker für PC – Wellness – Center. Anschließend Datenbanken erstellen und Query-Verbindungen herstellen. Jau, und damit nicht genug, muss ich mich auch noch durch die Suite durch worksen.

Da springen mir doch vor Empörung gleich sämtliche Tasten aus den Federn!

Lässt mich denn der Herr User wenigstens heute mal endlich das verdiente Nickerchen am Mittag einlegen? Weit gefehlt!

Jetzt soll ich 7777 Seiten DIN A4 eines Handbuchs im PDF Format ausdrucken, nur damit er nachlesen kann, was eh über sein Verständnis geht. Und dann muss ich das wieder ausbaden; kenn ich schon, das Drama.
Da will einem doch am liebsten der Drucker versagen!

Meine Qual findet noch immer kein Ende, denn nun will er ein neues Programm ausprobieren. Gestern habe ich einfach zwei Arbeitsgänge langsamer geschaltet, so dass seine Fehleingaben an mir vorübergingen. Doch eben lässt die wilde Entschlossenheit, mit welcher er verschiedene neue Steckverbindungen in meine Anschlüsse knallt, keine Gnade ahnen. Heute zieht er das durch. Hilfe! Autsch! Ist doch wohl nicht wahr, oder? Hat der Knilch doch 6 pole in 12 pole hauen müssen. Das tut mir doch auch weh!
Nun schlägt ’s aber langsam Zwölf in den Chips!

Na, das ist ja wohl die absolute Krönung! Nach dieser ganzen elenden Plackerei als technisches Allround-Arbeitstier hat Herr User doch den Nerv, bei durch ihn verursachten Fehlfunktionen auf mir herumzuhacken. Bringt zwar nix konkretes ein, verschafft ihm aber anscheinend Erleichterung der Dritten Art.
Mir persönlich ist das mehr als lästig. Außerdem bitte ich mir endlich den schuldigen Respekt des Herrn User vor meinen permanenten (teils erzwungenen bzw. unfreiwilligen oder gar unbeabsichtigten) Hochleistungen aus.

So mal ganz unter uns: Ganz für voll kann man doch wohl als ordentlicher PC diese User ohnehin nicht nehmen, die so ganz und gar von uns immer kleiner und schnittiger werdenden Zauberkästchen und unserer Funktionsbereitschaft abhängig sind? Wenn wir nicht anlaufen, wird der Herr User sehr rot – wenn auch nicht aus freudigem Ablass. Hihi.

Ach Du dicke Steuereinheit! Das eben hat Herr User mitbekommen. Und während Ich krampfhaft errechne, wie ich mich aus diesem Fettnapf und vor allem vor seinem bohrenden, brennenden und hundsgemeinen Userblick retten kann (Systemcrash aus unbekannter Ursache wäre immer noch der elegante Ausweg schlechthin), steht der Herr User einfach auf und geht. Nach nebenan. Ich kann zwar nicht hinsehen (soweit reicht meine Kameraerfassung bedauerlicherweise nicht), höre ihn dafür aber umso besser. Ähm, das kann doch nicht sein …? Der wird doch nicht? Er kommt zurück, ich brumme mal zufrieden – zu spät. HIIIIIIIIILLLLLFEEEEEEEEE! Der Typ hat ein Beil in seiner Hand – dieser Userunhold plant einen technischen Vollmord. Will mit einem Mordinstrument ungehemmt auf mich eindreschen und mein unvergleichliches Genie einfach zu wertlosen Einzelteilen zerhacken.

Nee, also so nicht! Nicht mit mir! Nicht mehr! Keinesfalls!
Da haut ’s einem doch vor Angst und Wut das Kabel aus der Steckdosenleiste!

Ach so, man meint, User darf das? Jederzeit? Und ungesühnt? Straffrei?
Pah, das werden wir ja erst noch sehen, wer hier das längere Laufwerk hat, nicht wahr.
Pass mal gut auf, denn jetzt streike ICH einfach mal ganz gepflegt!

Ja, Herr User, hast die flimmernde Nachricht auf dem Bildschirm schon richtig gelesen:
Zusammen mit meinen Kumpels aus dem internen Netzwerk habe ich heute den absoluten technischen Generalstreik beschlossen.

Und keiner von uns bearbeitet auch nur ein Byte in den Prozessoren, ehe nicht unser Forderungskatalog am technischen User - Stammtisch verhandelt und bestätigt worden ist!

Ich persönlich habe für meine Wenigkeit einen sofortigen Austausch meines Users gefordert – schließlich habe auch ich ein Recht auf liebevolle Behandlung und tägliche Zärtlichkeit. Und User, die Rücksichtnahme auf meine zarten Platinen und Prozessoren nehmen. (Ich lechze schon so lange nach einer niedlichen Partnerin, mit der ich meine Speicherinhalte teilen kann).

Von meiner Alterssicherung und den Sicherheits- und Sozialleistungen (wie der regelmäßige Reinigung von Hardware, Monitor, CPU, Zubehör wie Drucker, Kamera, Lautsprecher, Systempflege, Softwarepflege wie Virenschutz, Antispy- und Anti-Adware, Security usw.) mal ganz abgesehen.

Hähä, jaaaa, mit solch drastischen und wirkungsvollen Maßnahmen meinerseits hast Du wohl nicht gerechnet, wie?

Na gut, zugegebenermaßen sitzt an manchen Tagen ja auch eine der berühmten Ausnahme von der gängigen User Regel vor mir. Jung, knusprig, weiblich, zärtlich und voller Vorsicht. (Herrn Users schöne Hälfte). Mit ihr macht die Arbeit sogar Spaß.
Schon wegen der zahlreichen Telefonpausen (Gespräche mit bester Freundin usw.) und regelmäßigen Toilettengänge (Näschen pudern).

Ich gestehe es ein: das PC-Leben kann auch verdammt schön sein.