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Liebe zu einem Gestern, das besser ein Heute wäre
Gerade sagte ich zu Dir: “Das darfst Du nicht!“ Gerade sagte ich zu Dir: „Dort darfst Du nicht spielen!“ Gerade sagte ich zu Dir: „Dort darfst Du nicht hingehen!“ Gerade sagte ich zu Dir: „Du musst leise sein!“
Und nun sehe ich in Dein trauriges Gesichtchen Und verstehe, warum Du nun überhaupt keine Lust Mehr hast, irgendetwas zu unternehmen.
Und es bricht mir schier das Herz Dich so bedrückt, still und von Verboten und Regeln Umgeben, ja, eingekreist zu sehen Und überall und ständig alles bedenken und einhalten zu müssen
Und ich weiß, es müsste anders sein Ich weiß, so wirst Du ein gehemmter und unfreier Mensch Ich weiß, dass die Kindheit so keine Freude macht Ich weiß, dass Du am Spielen nicht mehr viel lustig findest Ich weiß. Dass Dich die Unfreiheit bedrückt Und viel zu schnell erwachsen werden lässt Dir die unbeschwerten Jahre eines Kindes raubt
Und ich denke voller Sehnsucht zurück an früher, als
Die Dörfer voller vertrauter Gesichter Voller Bauernhöfe, Kinder und Tiere Die Häuser und die Zäune aus Holzstaketen noch heimelig und alt sein durften Die Feierabendbänke vor den Anwesen Die Alten im Dorf mit ihrem herrlichen Dialekt Den unzähligen Runzeln und Falten des Alters und der Weisheit Die zu Hause lebten und bis zuletzt dazu gehörten Den Wäscheplatz, die Bleiche, den Dorfplatz Das Backhaus mit dem herrlichen Duft von frischem Brot Mit den herrlichen alten Linden und Eichen Das alte Spritzenhaus und die kleine Kirche Den Dorfarzt, der jeden von Geburt an behandelte Den kleinen Dorfladen mit den vielen Süßigkeiten Die etwas Besonderes und die Ausnahme waren Die Wiesen und Felder noch saftig und grün Voll mit herrlichem Unkraut wie Rittersporn, Klatschmohn Die wir pflückten und stolz nach Hause schleppten Und Gänseblümchen, aus denen wir Kränze wanden Die Feldwege noch steinig Und nach dem Regen schlammig waren Die Gärten noch voll herrlichem Essbaren standen mit Obststräuchern, Erdbeeren, Bohnen, Erbsen als die Kartoffelkäfer noch gerne lebten und gemeinsam die Äcker überfielen das ganze Dorf ging Rüben verziehen und Kartoffeln häufeln, auch die Kinder halfen mit die stärkende Brotzeit mit dem Pferdewagen gebracht mit dem hölzernen Handwagen zu den Pflanzplätzen gezogen Johannisbeeren frisch von der Rispe am Strauch Den Bauch vollgeschlagen mit Kirschen direkt vom Baum Pflaumen, Äpfel, Zwetschgen, Birnen aus der Hand in den Mund aus dem Dorfteich die Blutegel gefischt wurden barfuss aus dem Bach die Molche und Kaulquappen Geburtstage, Todesfall, Hochzeit und Firmung Jeder nahm an allem ganz selbstverständlich teil Auch die Hilfsbereitschaft war stets vorhanden Die Menschen sich kannten, trafen, sich erzählten und einander zuhörten die Strassen noch ruhiger und Von uralten Bäumen umsäumt Die niemanden störten Der Verkehr nicht so dicht
Das Frühjahr mit Krokussen, Maiglöckchen und Osterfeuer Dem Vorbereiten und Pflanzen Die heissen Sommer voller Planchen im Bach, Baden im See und Radfahren, Rollschuhlaufen, gegen den Durst den selbst gemachten Obstsaft den Kinder-Hunger mit Stullen gestillt Den Herbst mit Erntedank und Drachensteigen Kartoffelfeuern und Rübenernte mit Grünkohl Und Rhabarberkuchen Die kalten Winter mit meterhohem Schnee Schlittenfahrten, Schneemännern, Schneeballschlachten und selbst gebauten Sprungschanzen und Iglus
Das Leben im Einklang mit der Natur Und die Tradition der Generationen Noch etwas selbstverständliches hatte
Jetzt habe ich sicher noch so vieles nicht erwähnt Das meine Kindheit so schön und reich gemacht hat In meinem herzen bewahre ich das alles auf Als Erinnerungen fein säuberlich gehegt
Aber mein Herz blutet bei dem Wissen Das Du, mein Kind, all dies niemals kennen lernen kannst Denn dies alles gibt es längst nicht mehr Nicht einmal im kleinsten Dorf blieb die Zeit stehen
Heute dürfen sich Kinder und Tiere nur noch Nach höchstrichterlichen Zeitplänen Natürlichem Lärm und Lauten hingeben Heute ist jeder Baum zu viel, jedes Kind zu laut Jedes Tier zu lästig und der Nachbar fremd Jede Musik überlaut, jede Party ein Besäufnis
Zu viele Menschen gemein und brutal Zu vieles verboten, zu wenig noch möglich Zu viele Triebtäter in Freiheit Zu viele Verbrechen und kleine Strafen Zu viel Angst in den Menschen Zu wenig Geld in den Strümpfen Zu wenig Zeit und zu viel Hast Zu wenig Geduld und zuviel Verlangen Zu viel Ungerechtigkeit und zu wenig Verständnis
Direktive der Zeit: Kinder nicht erwünscht Nur im Interesse der Rentensicherung geduldet
Das bäuerliche Leben starb dahin – Auch die Besinnlichkeit Und der herrliche Zauber der Ebenmäßigkeit Eines ganzen Zeitalters wurden damit ausgelöscht
Mein Kind, es tut mir so unglaublich leid, das ich Dir diese kaputte Welt am Rande der Katastrophe als Platz für Kindheit und Leben zumute aber eine andere kann ich Dir nur in Bildern aus meinen Erinnerungen zeigen und schenken.
Ich liebe Dich so sehr – Doch ich weiß nicht, ob es richtig war Dich zu empfangen ..
2004© by Cora Corell
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