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Chantal und Fabienne, die hinter dem Tresen hervorkommt, nehmen die beiden Statistinnen mit zur Bar. Nachdem sie sich albern und nervös kichernd als Lucy und Serena vorgestellt haben, nehmen sie auf den Barhockern Platz (alle vier Damen wenden nun dem Publikum den Rücken zu und sind nur verschwommen im besagten Spiegel zu erkennen) versuchen Fabienne und Chantal die beiden jungen Mädels (so um die süßen zwanzig) mit einem alkoholischen Freidrink auf Kosten des Hauses (aufzulockern und in Sachen Hurenmode in (privaten?) Swingerclubs zu beraten (die beiden tragen Jeans und Pulli). Plötzlich stürmt ein Mann im Laufschritt schnaufend auf die Bühne. (schütteres, graumeliertes Haar, hohe Stirn, kleinen Bauchansatz, so um die 40 Jahre alt, trägt eine stark geränderte Brille, bekleidet mit schwarzer Hose und einem violetten Jackett, die Kleidung inklusiver der Schuhe scheint schon Jahre alt zu sein und bessere Tage gesehen zu haben). Chantal, Fabienne, Lucy und Serena verschwinden gemeinsam lachend in einem Hinterzimmer, weil die beiden Statistinnen die Klamotten wechseln möchten. Viola allein vor der Bar, sieht und hört den Mann kommen und verschwindet mit erschrockenem Gesichtsausdruck und raschen Trippelschritten hinter dem Tresen der Bar, wo sie sich in Sicherheit wähnt. Der Mann ruft (schwäbischer Akzent) laut (mit dem Rücken um Publikum) und während des Laufens: „Hanoi, hen i Di endli wieder gfunde, Mädle?“ Wo warscht denn Du naher die ganz Zeit, hä? Heilichs Blechle, i hen Di jo überall gsucht un nit finde könne. Bin i froh, dasch i die vor mer sehn tu!“. Viola versteht noch immer nichts, bleibt aber lieber hinter dem Tresen. Der Mann grüßt flüchtig zu Viola und reißt dann der noch immer den Boden wischenden Ilona zielsicher den Wischmob aus der Hand. Er dreht sie blitzschnell um und hält ihr die Augen zu. Dabei spricht er weiter:“Jo Mädle, do het i freili lang suchet könne, wennscht hier inne so enem Sschwingerclub rumputsche zuscht. Awer i hen mer damals gschwore, das i Di find und wenn i umd ganse Weld reise müscht. Bischt no immer so scharf, Du wildes Radiesche? Jo liebs Herrgöttle, weischt am End no immer nit, wer i bin?“ (Während der letzten Frage nimmt er die Hände von den Augen Ilonas und dreht diese mit dem Gesicht zu sich herum. Ilona hat sich während des Vortag nicht gerührt.) Der Mann spricht weiter:“Schätzle, Mädle, Du wirscht do dei Lieblingszuhälter nit vergesse hen? I bins doch, dr Galopper-Fleidli. Verzähl mr awer nur nit, daschd mi hättscht vergesse könne, du scharfes Maidli: Komm her un lass di erscht emol drücke, Du!“ (Er umarmt die noch immer reglose Ilona innig und drückt sie an sich. Nachdem noch immer keine Reaktion und auch kein Anzeichen des Erkennens von Ilona kommen, lässt er sie so plötzlich los, dass diese beinahe hinstürzt. Viola hat hinter dem Tresen alles mit angehört und ihr unsicheres Gesicht, begleitet von nervösen und ziellosen Handgriffen verrät, wie unwohl sie sich fühlt. Da fällt ihr eine Flasche Champagner zu Boden und zerspringt mit lautem Klirren in unzählige Scherben. Das laute Geräusch wirkt auf Ilona wie ein Wecker. Sie wacht aus ihrer scheinbaren Betäubung auf und rennt nach hinten. Der Galopper-Fleidi hat sich inzwischen zur Bar bewegt und schaut Viola zu, wie sie die Scherben mit einem Besen zusammenfegt. Er reicht ihr - ganz Gentleman - den von Ilona benutzten Wischmop und Eimer über den Tresen. Viola nimmt wortlos entgegen und beginnt hochrot im Gesicht, den Champagner aufzuwischen. Plötzlich ertönt laute Musik – das Stück „Big Spender“. Das Publikum applaudiert dünn, als es das Stück erkennt. Ein Scheinwerfer geht an – für einen kurzen Moment erinnert die erwartungsvoll veränderte Atmosphäre an einen Ort wie das Moulin Rouge um die Jahrhundertwende. Dementsprechend erwartungsvoll schauen Publikum und Anwesende wie gebannt auf den Scheinwerferkegel und harren der Dinge, die da kommen sollen. Ilona tritt hoch aufgerichtet, perfekt geschminkt, mit Schmuck, jedoch noch immer in ihrem geblümten Kittel und mit den hochgesteckten Haaren sehr elegant und graziösen Schrittes in das Licht. Sie trägt aber nun ein paar hochhackige Pumps (14 cm Pfennigabsatz. Der alte Conferencier tritt mit dem Mikrophon zwischen Ilona und das Publikum und beginnt eine Ansage, die auf lange Erfahrung und Vertrautheit mit dem Text und auch der Person Ilona schließen lässt. Das stumme Einverständnis zwischen dem alten Conferencier und Ilona ist fast ebenso greifbar wie die prickelnde Spannung, die sich über den gesamten Swingerclub gelegt hat. Fabienne, Chantal, Lucy und Serena sind durch die Musik angelockt wieder zur Bar gekommen, die beiden Statistinnen tragen jetzt durchsichtige Overalls aus schwarzem Netz und hochhackige Lederstiefel.) Der Conferencier räuspert sich und beginnt dann schwungvoll seine Ansage für Ilona an die Zuschauer. „Werte verwöhnte Gäste, meine geschmackvollen Zuschauer, hoch verehrtes Publikum. Ich darf Ihnen nun mit allergrößter Befriedigung den Höhepunkt des Abends ankündigen. Begrüßen Sie mit mir nun herzlich die Schönste der Schönen, die schärfste Braut, die jemals auf einer Bühne stand und tanzte. Das blonde Sünde, die alle Opfer wert ist: Heute Abend, exklusiv und nur für Sie: Miss Kira Dirty.“ Als er an ihr vorbei kommt, bemerkt er sehr leise zu Ilona (dern Künstlername Miss Kira Diry ist): „Fast so wie früher, wie?“ zieht ganz leicht den Zylinder und geht ab. Das Publikum applaudiert stark; ist froh, das die herrschende Spannung nun Handlungsspielraum anbietet. Galopper-Fleidli steht mit einem selbstgefälligen Eigentümer Grinsen (hab ich doch gewusst) vor dem Tresen und schaut triumphierend abwechselnd in die Runde und auf Ilona. Und nun schlägt Ilona alle Anwesenden in ihren Bann. Ihre grünen Augen sprühen Funken, die mit dem Scheinwerferlicht wetteifern. Sie schaut sich ruhig um und reißt sich dann mit einem heftigen Ruck den geblümten Kittel vom Leib. Durch das Publikum gehen Ahs und Ohs. Ilona trägt unter dem Kittel einen knallengen schwarzen Latexanzug mit tiefem Ausschnitt. Ein Reißverschluss führt an jedem Hosenbein bis zum Schritt und ist jeweils bis zum Schenkel geöffnet. Lange hängende Ohrringe und ein Collier (Strass) vervollständigen mit dem von Glitter glänzenden blonden Haar (noch immer locker aufgesteckt) den atemberaubenden Gegensatz. Eine Femme fatale, ganz ohne Frage. Sie tanzt aufreizend, elegant, langsam, schnell, provozierend – sie lässt nicht zu, das außer ihr und der Musik noch irgendetwas wahrgenommen wird. Und ist sich ihrer faszinierenden Wirkung auf alle Anwesenden voll bewusst. Gekonnt und mit der Routine der erfahrenen Frau öffnet sie Hülle um Hülle – jedoch nur bis zu dem Punkt der glühenden Erwartung und unerträglichen Neugier. Kein Laut dringt mehr aus dem Publikum, nicht einmal zu hüsteln wagt man sich im gesamten Raum. Ilona ist eine jener Frauen, denen die Welt aufgrund ihrer einmaligen Ausstrahlung zu recht zu Füßen liegt. Die plüschige halbseidene Atmosphäre des Swingerclubs ist verblasst neben dem Zauber der Schönheit, Anmut und Grazie, den der Tanz dieser vor Sexappeal berstenden Frau ausstrahlt. Fabienne, Chantal, Lucy und Serena stehen mit aufgerissenen Münder - ein lautloses OH formend - hinter dem Tresen und können nicht begreifen, das diese wunderschöne Vollfrau mit der Wahnsinnsausstrahlung und dem erotischen Superkick die gleiche sein soll wie die unauffällige, farblose und als langweilig eingestufte Hilfskraft Ilona. Fabienne denkt bei sich: „Oh Mann, und so was hab ich hier Böden schrubben lassen!“
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