Schreib um Dein Leben 2

Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen, ehe er endgültig aufgibt? Wie viele Enttäuschungen kann man wegstecken, bevor man Eremit wird? Wie viele Verletzungen der Seele kann man auffangen, ehe nichts mehr geht? Wie oft lässt man sich belügen und betrügen, ehe man das Stoppschild hochhält und Halt sagt?

Nein, mir ist nicht zu Lachen. Weiß Gott nicht! Bin innerlich wie betäubt und gelähmt. Fühle mich uralt und leer. Stehe neben mir. Das Gefühl ist nicht neu – damals, vor unendlich ferner zeit habe ich das schon einmal erlebt. Und überlebt.

Weil ich jung war und etwas in mir trug, das mir inzwischen längst verloren gegangen ist: die Hoffnung. Den Mut, aufzustehen und weiterzugehen. Der Glaube an die Zukunft, das Wunder des neuen Horizontes – sie sind nicht mehr da.

Durch alle Irrungen und Wirrungen bin ich gegangen – und immer habe ich unter den Folgen der Fehler anderer gelitten. Habe die Suppe, die sie mir einbrockten, auslöffeln müssen.

Nein, ich bin nicht fehlerlos. Will auch keine Verantwortung abwälzen. Nein, ich mache es mir nicht zu einfach. Habe es mir eigentlich immer selbst schwer gemacht. Mit der Moral, der Pflicht, der Verantwortung, der Fürsorge.

Und wohin hat es mich geführt? Alle verschlungenen Wege, die ich bis heute zurückgelegt habe, haben sich als Irrlichter erwiesen. Als Trugbilder, die mich einer Fata Morgana gleich in die Wüste der eigenen Unfähigkeit geführt haben. Alle Mühen und Anstrengungen waren umsonst – nichts auf der Welt kann mich jetzt noch retten. Ich bin verloren – und mit mir die meinen.

Ja, sie, die mich brauchen würden, wie ich früher einmal war. Mit all der Stärke, die nun dahin ist. Mit all dem Glauben, der aufrecht standhalten ließ, wenn die Welt in Scherben, Schutt und Asche sank.

Doch nichts von alledem kann ich noch jemanden geben. Ich habe nicht einmal mehr für mich selbst etwas übrig. Das Chaos beherrscht mich vollkommen – und spiegelt was mich umgibt. Vertrauen kann ich nicht mehr. Nun nie mehr. Zu schmerzlich, zu gewaltig der Verrat.

Ich weiß nicht, wie viel Schuld an diesem Zustand ich selbst trage. Sicher ist nur, dass auch ich einen Anteil daran habe. Welcher? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Antworten mehr. Nicht einmal mehr Fragen. Alles was ich will, ist mit diesem Leben aufzuhören. Sofort. Keinen Schritt mehr möchte ich gehen müssen. Keine Richtung mehr einschlagen und vor allem, keine Entscheidungen mehr fällen.

Kann man äußerlich einsamer sein als innen? Kann das Herz nicht einfach aufhören zu schlagen? Dummes Herz, das weiterpocht wie ein Motor, der nicht begreift, dass der Rest des Wagens schrottreif ist. Und nicht mehr verkehrssicher. Nicht mehr auf die Straße des Lebens gehört. Verantwortung?

Wer so töricht wie ich ist und an jemanden glaubt, der kann und will keinerlei Verantwortung mehr. Denn die Katastrophe trifft alle, für die man verantwortlich war und ist. Alle werden viele Jahre auslöffeln müssen, was in wenigen Augenblicken durch Skrupellosigkeit, Lügen, Betrügen, gebrochene Vereinbarungen, Bequemlichkeit und wasweissichnochalles verursacht und ausgelöst wurde.

Und ich kann nichts dagegen tun. Kann es selber nicht fassen geschweige denn nachvollziehen. Und noch viel wenigern anderen erklären. Die mich fragen. Als ob ich beantworten kann, was in einem anderen Menschen vorging. Einem Menschen, der mir so fern ist wie etwas nur sein kann. Der mir nie mehr nahe kommen darf. Schon aus Selbstschutz nicht.

Ich wünschte, ich hätte wenigstens die Kraft oder wenigstens die Möglichkeit, mich sofort durch Flucht zu entziehen. Aber nicht einmal das ist mir mehr geblieben. Und mir ist keiner geblieben, mit dem ich darüber reden könnte.

Von allen Menschen, die mir etwas bedeuten, hat er mich getrennt. Geblieben sind die Kinder mit ihren großen, fragenden Augen. Dem Unverständnis für meine Reaktionen. Dem Nichtbegreifen, warum ich ihren Vater nicht mehr lieben, sondern nur noch verabscheuen kann. Warum ich ihn anschreie, weil schon sein bloßer Anblick mich überfordert und mir Ekel verursacht.

Ich möchte unentwegt schreien und toben, gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals anrennen. Und weiß doch nur allzu gut, dass dies überhaupt keinen Sinn hat. Nichts, gar nichts würde sich ändern. Ich kann nicht mehr weiter. Dieses Mal ist es zu heftig. Keine Reserven mehr im Tank. Finito. Basta. Fin.

Welche Ironie doch das Leben für uns bereithält. Ich bin durch die Hölle gegangen, habe den Himmel kurz gestreift und bin wieder in der Hölle gelandet. Verstehe nicht einmal ansatzweise, warum oder wozu das gut sein soll. Mein halbes Leben habe ich mir die erste Hölle damit gerechtfertigt, das ich daran lernen und mich entwickeln sollte. Nur das hat mich vor dem Straucheln und der Verzweiflung bewahrt. Mich vor dem Aufgeben gerettet.

Das nur durch die schlimmsten Ereignisse meines Lebens ich zu dem Menschen heranreifen konnte, der ich geworden bin. Als ich den Himmel kurz streifte, schien das ja auch Sinn zu machen. Es folgte eine Zeit, in der ich mich zwischen den Extremen befand. Nichts war leicht, aber auch nichts zu schwierig. Ich musste kämpfen und hart arbeiten, doch ich hatte als Ausgleich auch ein gutes und einigermaßen sorgenfreies Leben.

Doch nun bin ich ausgelaugt. Und fertig. Ich spüre mit all meinen Sinnen, das mich aus diesem Tal nichts mehr zum Aufstieg auf den Berg bringen wird. Ich bin wieder genau das, was ich zu Beginn meines Lebens war: NICHTS! Reduziert auf ein nichts. Denn alle Erfahrungen, alle vermutete reife haben mich nicht davor bewahrt, ei weiteres Mal in die Hölle des Verrats zu stürzen. Und dieses Mal mitten hinein. Wo es am heißesten ist und keine Chance auf Entkommen mehr winkt.

Ich bin wirklich und wahrhaftig am Ende. Wenn unser Schöpfer denkt, dass dies alles richtig und gut war, wird er mir das hoffentlich näher erklären. Denn ich kann es nicht verstehen.

Meine Erfahrung war, das man meistens die Dinge und Geschehnisse erst viel später – lange, nachdem sie sich ereignet haben, einigermaßen versteht und ihr tiefer Sinn offenbar wird. Doch dieses Mal ist es anders – warum meine Kinder so tief mit fallen und leiden müssen, verstehe ich nicht.

Warum trifft den Verursacher all dieser Not und Pein nicht einfach der Blitz? Oder ein Donnergrollen vertilgt ihn oder sonst etwas? Stattdessen zermartere ich mir unentwegt mein Hirn, wie ich die Kinder und mich aus dieser so ausweglosen Situation halbwegs retten kann. Eine Existenz schaffen, die uns dauerhaft trägt. Aber ohne alle Mittel ist das wirklich schwer – um nicht zu sagen unmöglich. Ich bin ratlos. Herr, bitte hilf mir. Wenn ich Dich jemals in meinem Leben dringend gebraucht habe, dann jetzt. Bitte.

Felicitas saß fassungslos sie in dem alten Ohrensessel der Bibliothek. Zwischen den zahllosen und liebevoll ausgesuchten Büchern, die ihre Mutter so sehr geliebt hatte. Der so zufällig entdeckte Brief glitt ihr aus den Händen und fiel zu Boden. Sie bemerkte es nicht. Während ihr immer neue Tränen über das Gesicht liefen, jagten ihr wilde Gedankenfetzen durch den Kopf. Sie konnte einfach nicht glauben, was sie eben gelesen hatte. Wie war das möglich? Die allzu kurze Zeit, die sie miteinander hatten verbringen dürfen, war mit der Gegenwart und hauptsächlich mit dem Verlauf ihres Lebens ausgefüllt worden. Für die Vergangenheit war kein Raum geblieben. ihre Mutter machte doch einen so durch und durch ausgeglichenen, ja, glücklichen Eindruck. Wie man ihn bei Menschen findet, die mit sich selbst ganz im Reinen sind. Alle Zweifel hinter sich gelassen und ihre Mitte gefunden haben. Wie konnte es also sein, das sie so verborgen und tief glitten hatte? Was hatte ihr Vater der Mutter wohl angetan, das sie sich derart verzweifelt und hilflos gefühlt hatte. Wie konnte sie nur mit Verursacher der Misere, dem Mann, der ihr so schreckliches Leid angetan hatte, weiter zusammenleben? Und was hatte er ihrer Mutter überhaupt angetan? Und wann?

Es hielt sie nicht länger in dem Sessel – sie sprang auf und wischte unbewusst mit dem Handrücken ein paar Tränen ab. Als ihr Blick auf den Boden fiel, entdeckte sie das heruntergefallene Blatt und hob es auf. Sie drückte es an sich wie einen Schatz, den ihr jemand zu entreißen drohte. Sie läutete und kurz darauf kam Martha herein. „Sie haben geläutet? Was darf ’s denn jetzt schon wieder sein?“ Der deutlich ungehaltene und mürrische Tonfall des alten Hausfaktotums ließ nichts Gutes ahnen. „Wenn Sie mal wieder besondere Wünsche haben: kommt nicht in Frage! Ich habe überhaupt keine Zeit für irgendwelche überspannten Extrawünsche von Fremden; bin mit dem Mittagessen und dem Haushalt beschäftigt. Und außerdem ist heute Mittwoch! Die Vorbereitungen für die Trauerfeier und die Beisetzung müssen endlich erledigt werden! Der Bestatter hat heute Morgen schon drei Mal angerufen und möchte endlich wissen, wann Sie eine Entscheidung treffen wollen!“ Bei diesen Worten schielte Martha mit einer angewiderten Mischung von Neugier und Abwehr in die Richtung, in der sie Felicitas Gesicht vermutete. Doch Felicitas war noch immer völlig durcheinander und achtete darum nicht weiter auf Marthas Worte. „Ach bitte, Martha, könnten Sie mir einen Tee machen?“ versuchte sie gefasst zu sagen. Doch noch ehe sie das Wort Tee erreicht hatte, versagte ihre Stimme völlig.

Wieder traten ihr die Tränen in die Augen und all ihre Versuche, diese zurückzuhalten, waren vergeblich. Martha war gleichsam verstört wie verwundert über die Erfolglosigkeit ihrer kleinen Spitzfindigkeiten. Als sie nun das Felicitas Weinen hörte, verwandelte sie sich wie durch Zauberhand wieder in die treue alte Seele zurück, die sie für Felicitas Mutter schon seit deren Geburt gewesen war. Mütterlich und warmherzig nahm sie die schluchzende junge Frau in den Arm und tröstete sie. „Ja, ich weiß, meine Kleine, ich kann es auch kaum glauben, das sie nicht mehr da sein soll. Deine Mutter war ein so guter und lieber Mensch. Sie fehlt mir ganz schrecklich. Ich habe sie doch auch so gern gehabt! Wie soll das jetzt nur alles weitergehen ohne sie; was soll nur aus mir – und auch aus Dir - werden?“ jammerte Martha unter Tränen. Eine ganze Weile hielten sich die beiden Frauen so in den Armen und teilten ihre Tränen und das Leid um den Verlust eines geliebten Menschen. So fanden diese beiden so unterschiedlichen Menschen durch das Band der gemeinsamen Trauer um Felicitas Mutter zum ersten Mal zueinander.
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