Der Haken am Wurm

Der Haken am Wurm
Analytischer Einlauf
Halt! Freuen Sie sich wegen des Titels bloß nicht zu früh! Ich habe mich nämlich der schwersten aller Aufgaben verschrieben: die Dinge so zu sehen, wie sie sind! Und nicht so, wie andere sie gerne betrachtet haben möchten. Ich nehme für mich das Privileg der ungeschminkten Wahrheit in Anspruch. Leiste mir besser gesagt mangels anderer Möglichkeiten das Monopol der Aufrichtigkeit. Und als Krönung auch noch den Luxus, wann immer es mir beliebt, die Wahrheit zu sagen. Na gut, zu schreiben. So sind denn auch selbstverständlich weder der Wurm noch der Haken die zentralen Figuren der nachfolgenden Texte. Selbst dann nicht, wenn man in meinen hochgeistigen Ergüssen ab und zu über Würmer stolpert oder an den unsichtbaren Haken hängt, die ich nur allzu gerne gemein und bedenkenlos niederschreibe.
Meine zwischen Humor und Satire pendelnden Texte haben denn auch höchst selten bis gar nicht mit Zoologie oder einer etwaigen Vorliebe der Verfasserin für Angelhaken zu tun. Sie beziehen sich eigentlich ausschließlich auf den Menschen und seine dem aufmerksamen Betrachter auch ungewollt direkt ins schöpferische Auge springenden hervorragenden Eigenschaften; die zahlreichen Minuspunkte der menschlichen Natur (darunter leider auch die meinen) haben sich schon vor langer Zeit als ein nie versiegender und schier unerschöpflicher Quell entpuppt, den man ohne alle Bedenken hinsichtlich eines etwaigen Versiegens ruhig einer ständigen Nutzung per Pipeline unterziehen darf. Der Strom der menschlichen Dreifaltigkeit aus Schwächen, Habgier und vor allem aus Dummheit fließt seit dem Fauxpas im ansonsten fehlerlosen Schaffensdrang des Herrn in sich stetig steigernder Stärke. Diese Steigerung scheint allerdings in direktem Zusammenhang mit dem Anstieg der Weltbevölkerung zu stehen – mit einem permanenten Übergewicht auf der wohlhabenden Seite. Versteht sich.
Jüngst fragte man mich danach, ob ich in den letzten Jahren kritischer geworden sei. Nun, ich möchte keinesfalls verleugnen, das man mit zunehmendem Alter und durch die damit einhergehende Lebenserfahrung zu heftiger Unduldsamkeit, Intoleranz und Unnachsichtigkeit neigt. Auch an mir, dem zugegebenermaßen inzwischen näher am Ableben als am Östrogen befindlichen Weib mit satirisch humoristischem Einschlag konnte und kann dieser geistige Wandel nicht spurlos vorübergehen. Zumal ich inzwischen das fast biblische Alter von 44 Lenzen erreicht habe.
Möglicherweise ist es ja auch den Zeichen dieser „neuen“ Zeit zuzuschreiben, dass der Anschlag meiner Tastatur etwas härter geworden ist. Da flitzt man hektisch aus dem zarten Adagio der unbedarften und hoffnungsfrohen Jugend in das tosende Crescendo eines beileibe nicht mehr freundlichen Altertums der drohenden vergreisten Armut. Und gleitet man geradezu gezwungenermaßen aus freundlich hellem A-Dur in düster grollendes C-Moll.
Haben doch die vergangenen Jahrzehnte von vielen Gesichtern die freundlichen Masken abgewaschen. Rein zufällig wurden ebenso viele potthässliche Fratzen weithin sichtbar. Mir scheint es, als ob sich die seit der Erschaffung der Zivilisation andauernde Krise der Welt vor allem als eine moralische entpuppt. Mit den zum Himmel schreienden Höhenflügen der Preise für Öl, Benzin und Lebensmittel wurden auch die letzten traurigen Wahrheiten hinter den gängigen Phrasen sichtbar. Kaum winkt irgendwem irgendwo ein Fitzelchen Profit, schon ist es um diesen Jemand geschehen. Und alle humanistischen Ideale gehen zusammen mit den kampferprobten Wertvorstellungen schlagartig in Pension und genießen fortan die Auszahlung auf den Caymans, in der Schweiz oder sonst irgendwo im sympathischen Ausland. Sofern man die so leicht und nicht ungern Verlorenen überhaupt durch etwas anders zu ersetzen wünscht, greift man ungehemmt zur Kosten-Nutzen Rechnung von doppelter Buchführung, Verwaltung von Schwarzgeldkonten im In- und Ausland, der möglichst geheimen Annahme von Parteispenden samt inniger Verteilung der Kohle, vorsätzlichen Falschaussagen im Wahlkampf, dem ständigen und immer hemmungsloserem Täuschen der Wähler, der Kunst der versteckten und offenen Lügen, der Fortschrumpfen von Arbeitsplätzen, der völligen Vernichtung des Gesundheitswesens, der Anschaffung von Kriegswaffen aus eigenen und/oder den Konzernen von lieben Verwandten und was dergleichen Freuden mehr sind.. Wer diese nicht hat, verzweifelt nicht etwa, sondern greift flinkfingrig und trotz verwanzten Telefons auf Firmen von verhassten Verschwägerten und Unternehmungen von unsympathischen, einstmals verhauenen Studienfreunden und anderen Prügelknaben zurück.
Haken oder Wurm zu sein ist beispielsweise längst keine Frage des Geldes mehr, sondern hängt vorrangig von der jeweiligen traurigen Position und der damit verbundenen schäbigen Macht ab.



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